Der Chef macht dem Hund das Leben schwer
"Manche Menschen sind nicht zu Höherem geboren." Dieser Satz wird mir lange in Erinnerung bleiben. Ausgesprochen hatte ihn eine Frau L. für die ich als studentische Hilfskraft Vertretung während ihres Urlaubs gemacht hatte. Frau L. erbrachte Schreibdienstleistungen nach Banddiktat für Ärzte eines Krankenhauses und stand (steht?) ständig unter Angst, dass sie einen Fehler machen könnte und dafür haften müsse. Auf meinen Vorschlag, dass die Arbeit die sie mache nicht menschenwürdig sei (da nicht kreativ), und man (ich) doch eine Software schreiben könnte, die ihr zumindest zur Hand geht, damit die Arbeit schneller geht, reagierte sie – verständlicherweise – allergisch.
Den Satz glaube ich nicht. Ich denke Frau L. und viele, viele Menschen setzen sich Rahmen, teils aus Angst vor der Zukunft, teils sicherlich aus Bequemheit und vielleicht auch aus Mangel an Bildung, Ideen, usw. Ich denke dass kein Mensch dazu geboren ist, als Sklave zu schuften und sich ständig Unangenehmes vom Chef gefallen zu lassen (was in Frau L's Fall natürlich nicht unbedingt gegeben war, mir ist ihr Verhältnis zu den Auftraggebern unbekannt. Nebenbei bemerkt ist Frau L (Klein-)Unternehmerin, wozu auch Mut und Entschlossenheit gehört!)
Manche Menschen versacken immer tiefer in den gleichen Beziehungsmustern. Ich kenne das Problem, und leide heute noch daran, daher kann ich diese Menschen verstehen: es ist nicht nur die Angst, sondern auch die Trägheit die einen in diesen Mustern verharren lässt – wo es doch eigentlich viel Größeres zu entdecken wäre! (Manche Menschen haben natürlich mit dem Kleinen auch schon alle Hände voll zu tun und sind eigentlich bedient).
Mein Vater und ich haben heute in der Post eine solche Frau getroffen, die 45 Jahre lang vor ihrem Chef "geduckt" hatte, und das jetzt leider an ihrem Hund ausläßt: "unsereins hat es ja auch nicht immer leicht gehabt".
Es ist ein hübscher Hund, dem sicher in guten Zeiten auch viel Liebe gegeben worden ist. Obwohl ich am Anfang instinktiv verärgert über die Frau war, wie sie mit dem Hund umgeht, hatte ich doch nach ihrer Geschichte etwas Mitleid und mehr Verständnis für sie. Und natürlich einen Sack voll Mitleid mit dem Hund, der jetzt unter den Beziehungsmustern der Frau leiden muss.
Der Chef der Frau hat sie wohl (?) ungerecht behandelt. Uns allen sind solche Menschen bekannt, die manchmal impulsiv sind, und ihre Wut an anderen auslassen. Es kommt manchmal zu einem Ketteneffekt: der Chef schimpft den Mitarbeiter, der schimpft seinen Hund … und weder der Hund noch der Mitarbeiter können wirklich etwas dafür, dass sie geschimpft werden. Es wird einfach an ihnen Dampf abgelassen. Ist das gerecht? Ist das schlecht? Ist das echt? Kommt es von Herzen?
Ich denke, dass ein Firmenleiter eine große Verantwortung hat. Nicht nur für seine Firma, seine Projekte und seine Kunden, sondern auch den Mitarbeitern gegenüber. Eine negative Firmenkultur ist im Nu etabliert, kann jedoch nach 45 Jahren einem Hund das Leben zur Hölle machen … und eine positive kann den Mitarbeiter entfalten, und aus einer Raupe einen Schmetterling für den Rest seines Lebens machen!
