Der kategorische Imperativ von Kant fordert, stets so zu handeln, dass die eigene Handlungsweise allgemeines Gesetz werden könnte.
Ist das im Alltag umsetzbar? Das Problem ist das Wort "allgemeines Gesetz". Aus verschiedenen Perspektiven ergeben sich verschiedene Handlungsweisen, die oft inkompatibel miteinander sind.
Konkretes Beispiel: für einen Kunden wird eine Dienstleistung erbracht. Es führt aus Sicht des Kunden (durchaus auch nachvollziehbar von uns) nicht zum gewünschten Erfolg. Es wurde jedoch Zeit von uns investiert, um diese Dienstleistung zu vollbringen. Der Kunde ist nicht bereit den vollen Betrag zu zahlen – wir sind damit einverstanden, möchten daraus jedoch eine Gutschrift auf die nächste Rechnung machen.
Wir betreiben eine Firma, und haben keinen fest bezahlten und "sicheren" Studentenjob. Der Aufwand auf unserer Seite und das allgemeine Risiko des Verdienstausfalles ist deutlich höher als bei eben einem Studentenjob. Eine 100 % Risikoübernahme auf unserer Seite ist wirtschaftlich nicht sinnvoll, bzw. wir müssten extreme Prämien bei Erfolg verlangen.
Den Kunden interessiert das alles natürlich nicht. Er möchte im Idealfall eine 100% Absicherung dass sein gewünschter Erfolg herbeigeführt wird. Falls der Erfolg ausbleibt wäre ihm das Liebste, auf die Bezahlung zu verzichten.
Es handelt sich ganz konkret um widerstrebende Interessen. Man kann kein allgemeines Rezept dafür ausstellen, kein allgemeines Gesetz aufstellen das sowohl für die Firma als auch für den Kunden gilt. Die Entscheidungen sind zudem immer Situationsabhängig (hat der selbe Kunde bspw. schon in der Vergangenheit größere Nachlässe gekriegt? Hat er unrealistische Ansprüche gehabt, und damit das Risiko erhöht?)
Lange habe ich aber genau das versucht – ich habe versucht, eine solide Entscheidungsgrundlage zu erreichen, die allgemeingültig wäre. Meine Motivation dafür war Konflikte zu vermeiden, sich bei Entscheidungen absolut sicher zu fühlen, dass man das richtige macht (wenn man im eigenen Sinne handelt bleibt manchmal ein schaler Nachgeschmack des Egoismus).
Es ging mir also um sozial gerechtes Handeln. Wie handele ich so, dass alle gerecht behandelt werden, keiner zu Schaden kommt? Aus wessen Perspektive sollte ich den Schaden sehen?
-
Zwischenmenschlich
-
Auf die gesamte Menschheit ausgeweitet
-
Auf die Tiere ausgeweitet
-
Auf das gesamte Ökosystem Erde ausgeweitet
Bspw. setzen wir allein durch unser Leben auf der Erde (bspw. durch den Betrieb des Servers der diese Seite präsentiert) Energie um. Sollte diese Energie lieber nicht für nachfolgende Generationen aufbewahrt bleiben? Sollten wir keine Tiere mehr schlachten, aber dann auch nicht mehr züchten und halten?
Im Kern reduziert sich die Frage auf "was ist ein guter Mensch, gutes Handeln, und ein schlechter Mensch und schlechtes Handeln?"
Die Antwort ist: je nachdem von welchen Kriterien, welchem Wertesystem man ausgeht. Ein gottesfürchtiger (einfältig-akzeptierender) Mensch ist aus Sicht der Kirche im Mittelalter gut gewesen. Jedoch waren es die Menschen, die die Bíbel und deren Anspruch auf Absolutheit hinterfragt haben, die uns mehr Erkenntnisse über unsere Welt brachten. Vom Aufbau des Sonnensystems (mit der Sonne im Zentrum) bis hin zur Evolution.
Gut und schlecht ist eine biologische Notwendigkeit, eng gekoppelt an Leid und Freude. Personifizierend gesagt dienen sie den Genen zur Kontrolle der biologischen Entscheidungsfindungen. Es werden art-erhaltende und -fördernde Handlungen als positiv kodiert, diese Ziele gefährdende Handlungen negativ. Leid und Freude sind deren Steuerungsinstrumente.
Die Konzepte von gut und schlecht – von den Genen mitgegeben, aber auch erlernt, schwanken genauso wie die Nasenform von Mensch zu Mensch. Daher entstehen auch immer wieder Konflikte zwischen verschiedenen "guts". Das erinnert an die Geschichte vom Hund und Pferd die einander mit "den besten Stücken" beschenkt haben – Heu für den Hund und ein fleischiger Knochen für das Pferd. Mit den besten Absichten.
Viele "gute" Dinge die als solche von der Gesellschaft absolut gesehen werden gehen auf diese biologischen Wurzeln zurück:
-
das Leben ist "gut", man sollte Menschen vor dem Selbstmord bewahren
-
Partnerschaft ist wünschenswert und gut
-
es ist sinnvoll, nach Erfolg zu streben
-
das Horten von Wertgegenständen ist absolut notwendig (für die schweren Zeiten die da noch kommen werden)
Wer nicht lebt kann sich nicht fortpflanzen. (Selbstmörder gehen vielleicht einer Art "Apoptose" aus sozialer Sicht nach, um die Ressourcen der Gesellschaft zu schonen). Wer einen Partner hat, hat es natürlich bequemer sich fortzupflanzen, ist auch abgesicherter und besser versorgt (genauso wie man ein USV an strategische Server dranhängt). Erfolg in der Gesellschaft bedeutet bessere Absicherung, höheres Profil, und zudem profitiert unsere gesamte gesellschaftliche Entwicklung massiv von solchen profilneurotischen Individuen. Wertgegenstände bringen Sicherheit in den "kalten" Tagen. Und sorgen für Ablenkung von der Wahrheit – dass es auf der Welt nichts absolut gutes gibt. Natürlich auch nichts absolut schlechtes.
Menschen die einen anderen Zugang zu dem Leben haben, die vielleicht auf Partnerschaft und Karriere verzichten möchten, werden als Spinner verlacht. Es ist doch selbstverständlich, "dass man das möchte"? Nein, ist es nicht. Es sind die Gene die es möchten (und je nach Variation in unterschiedlichem Maße, daher kann es diese "Spinner" überhaupt erst geben.)
Im Vergleich zu uns haben Tiere einen Taschenrechner von Gehirn. Doch mit der zunehmenden Komplexität, die uns so erfolgreich macht, kommt (für die Gene, aber auch für uns) ein hoher Preis: Selbstreflexion, Zweifel, …
Daher musste die Natur wieder in die Trickkiste für einige besonders wichtige und schwierige Prozesse in unserem Leben greifen. Partnerschaft bspw. Es ist hinlänglich bekannt, dass frisch verliebte nicht ganz zurechnungsfähig sind – sie sehen alles durch die rosarote Brille. Die Natur sorgt dafür, dass der kritisch-analytische Frontalkortex unterdrückt wird. Eine Partnerschaft bedeutet doch ein massives Ressourceninvestment, und eine beträchtliche Freiheitsaufgabe! (Es ist es wert sagen die Leute. Ist es das?)
Religion und Gott sind ein anderer Trick. Woher kommt die Vorstellung vom bärtigen alten Mann der es gut mit einem meint? Warum braucht Gott einen Bart, oder überhaupt eine menschliche Form? Weil er (in dieser Form) das Produkt einer Übertragung ist. Nachdem man mit den eigenen Eltern ab einem gewissen Alter ebenbürtig wird, und sie einen nicht mehr vor der Welt "beschützen" können, verlegt man die Vaterfigur mit den ganzen Eigenschaften eines liebevollen Vaters (oder auch eines narzistisch veranlangten – "Du sollst keine Götter neben mir haben") in den lieben Herr-Gott im Himmel.
Religiöse Menschen werden leichter mit den Krisen fertig. Hier wird eine grundsätzliche menschliche Eigenschaft bis ins perverse gestreckt: Menschen müssen nicht unbedingt sofort belohnt werden, sie können für einen größeren Vorteil in der Zukunft auf die momentane Lustbefriedigung verzichten. Würde sonst noch jemand von uns arbeiten? Oder in die Schule, Uni gehen? Religion verspricht nicht weniger als das ewige Leben im Paradies … aber das ist ein Thema für sich. Ich behaupte, dass Religion eine bioligische Kreation ist, und dass Zeugen Jehovas, Scientologen, Hare-Krishna-Anhänger, aber auch sehr patriotische Menschen einfach eine hohe Aktivität des religiösen Zentrums haben: sie glauben an logisch nicht nachprüfbare Konstrukte. Diese Konstrukte sind zudem relativ leicht zu zerlöchern – warum sollte bspw. ein Staat besser als der andere sein? Oder eine Religion besser als die andere??
Die Religion wirkt meines Erachtens als Drossel im Gehirn, die logisch-kritische Auseinandersetzung mit dem Thema verhindert.
Nicht nur die religiösen Fundamentalisten, auch wir nehmen die Welt wahr, wie wir sie gerne hätten, das ist intrinsisch menschlich. Auch wenn alles darauf hindeutet, dass die Welt anders ist, wir bleiben weiter im Hamsterrad drin. Ein Hamsterrad dass die Gene angeschmissen haben – man könnte fast sagen sie missbrauchen uns für ihre Zwecke. Doch würden wir das nicht so sehen, wenn die Gene und die Meme uns nicht zu dem gemacht hätten was wir sind. Auch das Widerstreben dagegen, von jemanden missbraucht zu werden, ist einfach ein Schutz gegen unangemessenen Energieverlust.
Das ist die tiefste Ebene, auf der Entscheidungsfindung stattfindet, auf der gut und böse "klar" definiert sind – das, was biologisch / sozial sinnvoll ist, und was es nicht ist (war das Aussterben der Dinosaurier sinnvoll?). Im Prinzip ist alles werteneutral.
Das Verdrängen des eigenen Todes ist vollkommen sinnlos, es passiert nichts "schlimmes". MIt der Geburt haben unsere Eltern uns auch den Tod mitgegeben. (ist das sozial verantwortungsvoll?) Man sollte sich einfach täglich bewußt sein, dass man nur über eine begrenzte Lebensspanne verfügt. Sollte man sich wirklich mit Dingen beschäftigen die einen nur belasten? Sich daran festbeißen und sich und andere unglücklich machen? Sollte man wirklich für vergangene Entscheidungen ein schlechtes Gewissen haben? Sollte man wirklich intolerant sein?
Es gibt keine solide, nicht-relative Entscheidungsgrundlage zu der wir vorstoßen können, die allgemeingültig ist. Der kategorische Imperativ ist Fiktion.
Daraus ergeben sich für mich zwei einfache Schlussfolgerungen:
-
Toleranz anderen Wertesystemen (anderer Menschen) gegenüber.
Es gibt kein definitives Entscheidungssystem – Entscheidungen sind immer subjektiv.
-
Vertrauen und Akzeptanz in das eigene Wertesystem
Entscheidungen müssen trotzdem gefällt werden. Wenn man nicht entscheidet, tut es jemand anders für einen selbst.
(Und als Bonus: wenn man nicht das "perfekte" Leben geführt hat, war man einfach man selbst.)
Glück und Leid kamen mit den Genen.